In Texterkreisen häufen sich die Anfragen von potenziellen Auftraggebern, die zunächst einen kostenlos auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Probetext wünschen. “Zwar haben wir Ihre Referenzen gesehen und sind davon überzeugt. Aber da wir spezielle Bedürfnisse haben, möchten wir den Auftrag unbedingt an den Richtigen vergeben. Daher benötigen wir erst einen Probetext von Ihnen.”
Nun, spezielle Bedürfnisse hinsichtlich Tonalität, Stil, Aufbereitung der Inhalte hat jeder meiner Kunden. Deswegen gibt es bei mir auch keine Texte von der Stange. Wäre das so, könnte ich ein passendes Gewand heraussuchen. Das kann der potenzielle Kunde in Ruhe zu Hause anprobieren und der Familie vorführen. Aber hier geht es darum, dem Kunden ein individuelles Gewand auf den Leib zu schneidern. Und wenn es auch erstmal nur die Hose vom Anzug ist: hier wird zunächst konzipiert, geplant und dann geschneidert bzw. getextet. Und das kostet Geld, denn von diesem Job lebe ich. Ähnlich wäre es doch, wenn ich beim Friseur erst einen kostenlosen Haarschnitt verlange, um zu testen, ob der Friseur der Richtige für mich ist. “Oh, Sie haben meine zwei Wirbel am Hinterkopf nicht entdeckt. Die müssen Sie doch bei dem Haarschnitt berücksichtigen. Tut mir leid, da gehe ich lieber zu einem anderen Friseur.” Das kann dem Texter in ähnlicher Weise passieren. Und wenn Kunde “Probetext” das gleich bei 100 Textern macht, hat er schon ordentlich Ideen und textliche Anregungen zusammen, um sich daraus ein eigenes Textkleid zu stricken …
Ich habe mir eine Alternative überlegt. Für ernst gemeinte Anfragen, bei denen es um eine langfristige Zusammenarbeit geht, komme ich meinen Kunden in Spe gern entgegen. Hier biete ich an, einen “kleinen” Auftrag für den halben Preis zu erledigen. Aber nur, wenn es danach zu einer weiteren Zusammenarbeit kommt. Entscheidet man sich nach dem “Probeauftrag” gegen eine Zusammenarbeit, aus welchem Grund auch immer, wird der komplette Preis fällig. So ist es doch fair für beide Seiten, oder?
Danke! Du sprichst mir aus der Seele. Solche “Anfragen” hatte ich auch schon. Und gerade als “Neuling” mit erst wenigen Referenztexten ist das besonders schlecht zu händeln. Auf der einen Seite kann ich den Kunden verstehen, der nicht “die Katze im Sack” kaufen möchte, auf der anderen Seite steckt in diesem “Probetext” die ganze Arbeit (Recherche, Auseinandersetzung mit der Firmen-Philosophie, Alleinstellungsmerkmal etc.), die der Texter auch für einen echten Auftrag investiert.
Den Zeitaufwand, den ein individueller Text nun einmal benötigt, wenn der Texter seine Sache gut machen will, sieht der Kunde natürlich nicht. Der liest das fertige Produkt und glaubt, “die paar Zeilen” wären in fünf Minuten aufs Papier gebracht. Daher findet er seinen Vorschlag auch nicht unverschämt.
Deine Antwort auf diese Ansinnen ist echt klasse und kommt beiden Parteien entgegen. Danke für die Anregung!
Anne
Ja, es stellt sich die Frage, welche Motive und Absichten hat der Auftrageber selbst ?
Wieviel Achtung und Respekt bringt er Dir entgegen. Deine Referenzen von anderen Firmen sollten voll aus-
reichen, um sich auf dich, als Textwerkerin einzulassen. Deine Kreativität braucht den R A U M , OFFENHEIT für NEUES und freudiges Gespanntsein des Auftraggebers.
Wenn beim Auftraggeber nur ein: “DAS muss ich ja machen und es kostet auch noch was” da ist, ist der “Killer-Effekt” vorprogrammiert! Und wem nützt es? Dann kannst du machen was du willst, es wird nie gut gesehen, denn die verschleierte Sichtweise des Auftraggebers lassen eine andere Sicht nicht mehr zu.
Wünsche Dir Auftraggeber, die Dich V E R D I E N T haben!
Ganz lieben Gruß
Bhasha
Wie ich lesen konnte, passiert das mit den kostenlosen Probetexten also nicht nur mir.
Die Lösung mit dem halben Preis für den ersten Auftrag finde ich ok. Allerdings: Wenn der Text dem Kunden gefällt, warum soll er dann nicht auch den vollen Preis bezahlen? Wo sonst bekommt man den ersten Auftrag mit 50 % Ermäßigung.
Ja, deine Frage ist berechtigt, Ursula. Zum Glück habe ich selten Anfragen nach Probetexten. Viele davon halte ich sogar eher für unseriös und melde mich darauf gar nicht. In meinem Beispiel ging es um eine ernsthafte persönliche Anfrage und vor allem um eine langfristige Zusammenarbeit. Da der angefragte Probeauftrag noch unter einem Tagessatz lag und völlig kostenlos gewünscht wurde, hielt ich die 50 % für eine gute Alternative. Darauf folgten auch weitere Aufträge. Inzwischen habe ich mich entschieden, individuell mit solchen Anfragen umzugehen.
Besten Gruß
Daniela
[...] zunehmende Häufigkeit der Anfragen nach „Probetexten“ ließ mich aufhorchen. War ich doch als Existenzgründer noch recht naiv und [...]